Künstler-Portrait

„Meister ist nur der, welcher in die Tiefen des Lebens und der Kunst dringt.“ Diese Sentenz Michelangelos könnte als Motto über Herrn Guglhörs Werk – sowohl seiner Bildhauerkunst als auch seiner Graphik – stehen.

Ebenso bietet sich Goethes Arbeitsweise zur Illustration von Willy Guglhörs Kunst an: Goethes Arbeitsweise lässt sich mit seinem Wort „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken; läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken“ erklären. Was so viel bedeutet, als dass der Dichterfürst stets vom Auge ausgeht, von der genauen Betrachtung der Welt, ganz entscheidend vom persönlichen Erleben und individuellen Erlebnissen geprägt ist. Ebenso lässt sich Guglhör von Mutter Natur, ihren vielfältigen, oft bizarren Formen (Pflanzen, Steinen, Wasserbewegungen, Wolken) inspirieren. Auch Dichtungen, Theaterinszenierungen (vor allem moderne Bühnenbilder, wie z.B. Strauß Salomé Inszenierung an der Münchner Staatsoper unter G.M. Nagano) philosophische Gedankengebäude, Musik, übersetzt sein lebendiger Geist, gepaart mit höchster Sensibilität in eigene Werke.

Am wichtigsten jedoch sind für ihn Begegnungen mit Frauen (wieder eine Parallele zu Goethe) jeden Couleurs. Dabei möchte er, wie Morgenstern es formuliert „Wie jeder rechte Künstler nicht schildern, um zu gefallen, sondern um zu zeigen“. So in immer neuen Varianten das für ihn unbegreifliche, unergründliche Anderssein des weiblichen Geschlechts, dieser ewigen Evas, Gretchens, Lulus. Von Frauen fühlt er sich wegen ihres Liebreizes, ihrer Schönheit, ihrer Liebesfähigkeit, angezogen, zugleich auch abgestoßen wegen ihrer Dämonie. Letztlich jedoch zieht ihn immer wieder das „ewig Weibliche hinan“ (Goethe).

Nach dem sozusagen „Überfallen-Werden“ von Erlebnissen fragt er sich immer wieder: „Wie kann ich den erlebten Facettenreichtum des Lebens, meines Lebens, in einen Gedanken, einen Künstlergedankengang, formal umsetzen?“ Daraus resultiert die Vielfältigkeit seiner Formen, im Gegensatz zu manch anderen Künstlern, die auf festgefahrenen Formen beharren, von denen Kunsthistoriker dann schreiben können: „Ah, wieder ein typischer X oder Y“. So bleibt Willy Guglhör – ähnlich wie Paul Klee – immer ein Neugieriger, ein Suchender.

An einer seiner, in der Galerie Fiedler, ausgestellten Graphiken mit dem Titel „Die geheime Macht“ soll die Quintessenz seines Künstler-Schaffens und Künstlerlebens aufgezeigt werden, welche Guglhör als unglaubliche und vielfältige Fügung, als ein „Geführt-Werden“ betrachtet. Wie alle seine Graphiken ist auch diese eine fest gefügte, architektonische Komposition. Wir sehen auf den ersten Blick zwei Hände, die ein über Stangen fallendes Tuch, das Tuch des Lebens, halten. Die Hand im Bild oben links hält das All (siehe Wolken). Das Rund der Erde wird illustriert durch beeindruckende Urpflanzen. Die Hand im unteren rechten Bildrand umfasst das Tuch, sozusagen den gewebten Teppich eines Menschenlebens mit all seinen Erlebnissen. Die „Geheime Macht“ bestimmt nach Willy Guglhörs Auffassung, die Hochs und Tiefs, den Absturz und das „Wieder-Aufgefangen-Werden“ des Menschen. Um mit Rilke zu sprechen: „Wir alle fallen …- und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“ So hält der Blick (Auge links im Bild) eines geistigen, für den Menschen nicht sichtbaren Wesens, das Leben der irdischen Geschöpfe vom Anfang bis zum Ende ihres Daseins fest im Auge. Diese Graphik erschließt eindrucksvoll den Seelengrund, aus dem die Werke des Künstlers Willy Guglhör entstehen.

(Rede anlässlich der Vernissage in der Galerie Fiedler, Murnau Juni, 2007
von Frau Dr. Sonja v. Szalay).